Unwetterkatastrophe: Viele Personen noch vermisst - Zahl der Toten auf mindestens 106 gestiegen !
Vor allem in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen ist die Lage nach den verheerenden Unwettern weiterhin katastrophal.
Die Zahl der Todesopfer steigt auf mehr als 100.
Zahlreiche Menschen werden noch vermisst.
In Erftstadt bei Köln ist die Lage nach mehreren Erdrutschen noch unübersichtlich.
Nach der Unwetterkatastrophe gibt es immer mehr Todesopfer zu beklagen.
In Nordrhein-Westfalen sei die Zahl der Todesopfer auf mindestens 43 gestiegen, teilt das dortige Innenministerium mit.
Aus Rheinland-Pfalz wurden mindestens 63 Tote bestätigt, somit kamen mindestens 106 Menschen durch die Folgen der Unwetter ums Leben.
In Erftstadt-Blessem in Nordrhein-Westfalen stürzten mehrere Gebäude ganz oder teilweise ein.
Es kam zu Erdrutschen von gewaltigem Ausmaß, Häuser wurden mitgerissen und verschwanden.
Nach aktuellem Stand sind drei Wohnhäuser und ein Teil der historischen Burg eingestürzt.
Der Verwaltung ist bislang ein Todesopfer bekannt.
Dies sei von der Stadt Erftstadt gemeldet worden, berichtet eine Sprecherin.
Es sei aber zu befürchten, dass es noch weitere Opfer gebe.
Die Kölner Bezirksregierung teilt mit, es würden "etliche Personen" vermisst, die Infrastruktur sei ausgefallen, Krankenhausbetriebe seien nicht mehr möglich.
Mehrere Pflegeheime müssten geräumt werden.
Aus den Häusern erfolgten immer wieder Notrufe von eingeschlossenen Menschen, da diese trotz Warnungen wieder in das Schadensgebiet zurückgekehrt seien oder es nicht verlassen hätten.
Die Menschen könnten teilweise nur mit Booten oder Strömungsrettern gerettet werden.
Der Einsatz werde durch einen Gasaustritt, der sich nicht abstellen lasse, stark gefährdet.
Nach einem Aufruf der Stadt Bonn, Menschen aus Hochwassergebieten eine Unterkunft anzubieten, sind bei der Verwaltung Hilfsangebote für mehr als 1000 Betroffene eingegangen.
Viele Privatpersonen wollten bis zu drei Menschen aufnehmen, und Hotels stellten bis zu 50 Doppelzimmer zur Verfügung, teilt die Stadt mit.
"Wir sind überwältigt von der Vielfalt und der Fülle der Angebote.
Weitere brauchen wir im Moment nicht mehr", erklärt Oberbürgermeisterin Katja Dörner.
Ab jetzt sollten die Telefonleitungen für Hilfesuchende frei gehalten werden.
Zudem suche ein Mitarbeiter der Stadt vier große Sammelunterkünfte auf, um die Menschen dort über das Angebot zu informieren.
Angesprochen seien Hochwasser-Geschädigte aus Bonns stark betroffenen Nachbarkreisen Ahrweiler, Euskirchen und Rhein-Sieg.
"Da könnte man eigentlich nur noch weinen"
"Das Leid nimmt immer weiter zu", sagte die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer beim Besuch der Leitstelle der Berufsfeuerwehr in Trier.
Überall gehe jetzt das Wasser zurück, daher würden nun Menschen gefunden, die bei der Katastrophe ertrunken seien.
"Und da könnte man eigentlich nur noch weinen.
Das ist ein Horror.
Das ist alles ganz, ganz schlimm, wenn Existenzen berührt sind.
Wenn Häuser kaputt sind, wenn Straßen aussehen, wie wir das gesehen haben - aber dass Menschen sterben bei dieser Katastrophe, das ist wirklich ganz furchtbar", sagte Dreyer.
"Unser Land hat so etwas noch nie gesehen", hatte Dreyer zuvor im ZDF gesagt.
Die Infrastruktur sei völlig zerstört, der Wiederaufbau werde ein langer und teurer Weg.
"Es ist uns zugesichert worden, dass wir im Sinn einer nationalen Katastrophe Unterstützung erhalten.
Das brauchen wir auch dringend", sagte sie mit Blick auf Hilfszusagen des Bundes.
Bundeskanzlerin Merkel erwägt einen baldigen Besuch im Katastrophengebiet in Rheinland-Pfalz.
Wie der Sprecher der Bundesregierung, Steffen Seibert, nach der Teilnahme Merkels an einer Videokonferenz des Landeskrisenstabs Rheinland-Pfalz mitteilt, ist die Bundeskanzlerin mit der Landesregierung über einen baldigen Besuch im Katastrophengebiet im Gespräch.
Mehrere Kreise in der Eifel riefen Katastrophenalarm aus.
Besonders schlimm ist die Lage im Kreis Ahrweiler im nördlichen Rheinland-Pfalz.
Wie das Innenministerium bestätigte, starben zwölf Bewohner einer Behinderteneinrichtung in Sinzig.
Die Fluten seien schneller gekommen, als die Menschen hätten in Sicherheit gebracht werden können.
"Das Wasser drang innerhalb einer Minute bis an die Decke des Erdgeschosses", sagte der Geschäftsführer des Landesverbands der Lebenshilfe Rheinland-Pfalz, Matthias Mandos.
Die Nachtwache habe es noch geschafft, mehrere Bewohner in den ersten Stock des an der Ahr gelegenen Wohnheims zu bringen.
"Als er die nächsten holen wollte, kam er schon zu spät."
Teils kein Handy-Empfang
Trotz abfließenden Wassers sollen die Bewohner von Trier-Ehrang noch nicht in ihre Häuser zurückkehren.
Noch könne nicht abschließend beurteilt werden, ob alle von Flutschäden betroffenen Häuser im Ortskern standsicher seien, teilt die Stadt Trier mit.
Dies solle zunächst von Statik-Experten geprüft werden.
Dennoch: Bürgern werde das kurzfristige Begehen von Wohnungen ermöglicht, um wichtige persönliche Dinge wie Handys oder Geldbeutel herauszuholen.
Wie viele Menschen in Rheinland-Pfalz noch vermisst werden, ist unklar.
Es gibt dazu unterschiedliche Zahlen.
Innenminister Roger Lewentz sagte, aus Sicht der Polizei würden in dem Bundesland knapp unter 100 Menschen vermisst.
"Das Handynetz ist zum großen Teil noch nicht funktionsfähig", sagte der Koblenzer Polizeisprecher, Ulrich Sopart.
Es sei auch davon auszugehen, dass eine Reihe von Menschen mehrfach vermisst gemeldet wurden.
Noch immer würden Menschen gerettet, so Sopart.
Schwerpunkte der Einsätze seien die Orte Schuld, Insul und Ahrbrück.
Bürger sollen Trinkwasser abkochen
In Stolberg bei Aachen ist die Trinkwasserversorgung weiterhin kritisch.
Sie sei eingeschränkt, teilte ein Sprecher der Stadt mit.
Bürgerinnen und Bürger sollten Trinkwasser vor dem Gebrauch abkochen.
Zur Sicherstellung der Versorgung seien in allen Ortsteilen Trinkwasserbehälter aufgestellt worden, wo sich die Betroffenen bedienen könnten.
Hier sei ein Abkochen nicht notwendig, die Bürgerinnen und Bürger müssten aber eigene Gefäße mitbringen.
Im Übrigen kümmere sich die Stadt um die Koordination von Geld- und Sachspenden.
Auch der Kreis Euskirchen rief dazu auf, das Trinkwasser abzukochen und nicht direkt aus dem Hahn zu trinken.
Es könne nicht ausgeschlossen werden, dass durch Rohrbrüche und Starkregen Keime ins Trinkwassernetz gelangt sind.
Rund 165.000 Menschen im Westen Deutschland sind nach Angaben des Energieversorgers Eon infolge der Unwetterkatastrophe ohne Strom.
Besonders betroffen seien die Eifel, der linksrheinische Rhein-Sieg-Kreis, der Rheinisch-Bergische Kreis und Teile des Bergischen Landes, teilte das Unternehmen mit.
Wohngebiet im Allgäu überflutet
In Wangen im Allgäu im Südosten Baden-Württembergs ist aufgrund des Starkregens ein Wohngebiet überflutet worden.
Zwei Brückendurchflüsse des Epplingser Bachs wurden am Donnerstagabend von Treibgut blockiert, wie die Polizei mitteilte.
Dadurch sei das Wasser über die Ufer getreten und habe das angrenzende Wohngebiet Epplingser Halde überschwemmt.
Am heutigen Morgen entspannte sich die Lage.
Das Wasser im Wohngebiet stand zum Teil kniehoch.
Zahlreiche Keller und Garagen liefen voll.
In einem Blockheizkraftwerk stieg das Wasser sogar bis zu 1,60 Meter hoch.
Verletzt wurde nach dem bisherigen Stand niemand.
In Inzlingen im Kreis Lörrach wurde ein Jugendlicher auf einer überschwemmten Straße in einen offenen Gully gesogen.
Der Vater des Jungen und ein benachbarter Feuerwehrmann hätten den 17-Jährigen in der lebensgefährlichen Lage festhalten können, erklärte die Feuerwehr.
Weitere Einsatzkräfte hätten geholfen, den Teenager zu retten.
Er habe einen Schock erlitten, sei aber nach kurzem Aufenthalt im Krankenhaus wieder von dort entlassen worden.
Auch der Zugverkehr in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz ist weiterhin massiv beeinträchtigt.
Zahlreiche Strecken seien komplett gesperrt oder nur eingeschränkt befahrbar, teilte die Deutsche Bahn mit.
"Die Wassermassen haben Gleise, Weichen Signaltechnik, Bahnhöfe und Stellwerke in vielen Landesteilen von NRW und Rheinland-Pfalz stark beschädigt."
Im Nahverkehr verkehren zahlreiche S-Bahn- und Regionallinien weiterhin nicht oder nur eingeschränkt.
Für Informationen zur aktuellen Lage im Zugverkehr hat die Bahn eine kostenlose Sonder-Hotline eingerichtet: 08000 99 66 33.
Warnung vor hohen Wasserständen an der Rur
Die Rurtalsperre hatte gegen Mitternacht begonnen, infolge der immensen Regenmengen überzulaufen.
Zumindest hier gibt es etwas Entwarnung.
Der Wasserverband Eifel-Rur spricht von einer "geringen Dynamik".
Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Armin Laschet sagt: "Staudämme der Talsperren in Nordrhein-Westfalen sind, mit Ausnahme der Steinbachtalsperre, stabil und unbeschädigt."
Die Lage an der Steinbachtalsperre ist nach Auskunft des Kreises Euskirchen stabil, "aber nicht unkritisch".
Bei der Überprüfung des Dammes mit einer Drohne seien keine kritischen Risse gefunden worden, so eine Kreissprecherin.
Nach wie vor sei das Grundabflussrohr der Talsperre verstopft.
Um Druck aus der Anlage zu nehmen, werde weiterhin das Wasser mit Hochleistungspumpen aus der Talsperre geholt.
Mehrere Orte unterhalb der Steinbachtalsperre waren in den vergangenen Tagen wegen der Gefahr eines Durchbrechens der Staumauer evakuiert worden.
Der Kreis Euskirchen appelliert an die Bewohner, noch nicht in die Häuser zurückzukehren.
Die Gefahr sei noch nicht gebannt.
Bereits jetzt handelt es sich um eine der größten Unwetterkatastrophen der Nachkriegszeit in Deutschland.
Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier zeigt sich erschüttert über die Ausmaße der Flut-Katastrophe.
"Es ist eine Tragödie, dass so viele Menschen ihr Leben verloren haben", sagt er bei einer Ansprache im Schloss Bellevue.
"Ich bin in Gedanken bei ihnen, ihr Schicksal trifft mich ins Herz."
Er habe mit Kreisvorsitzenden und Bürgermeistern telefoniert und werde sich zu gegebener Zeit vor Ort ein Bild von der Lage machen.
Steinmeier dankte allen professionellen Helfern und den Menschen, die den Opfern Unterkunft und Hilfe gewähren.
Die Betroffenen würden noch länger Unterstützung benötigen.
"Enttäuschen wir ihre Hoffnung nicht".
Bei der Bewältigung der Hochwasser-Katastrophe helfen derzeit rund 900 Soldatinnen und Soldaten.
Die Rettung von Menschenleben stehe dabei im Vordergrund, die Bundeswehr unterstütze aber auch mit "helfenden Händen" und Material, teilt die Streitkräftebasis in Bonn mit.
Zum Einsatz kommen etwa Hubschrauber, Räumpanzer, Krankenwagen, Boote, Truppentransport-Panzer und eine Fähre.
182,4 Liter Regen pro Quadratmeter
Der Deutsche Wetterdienst hat am heutigen Freitag eine erste Bilanz des Extremregens der vergangenen Tage gezogen.
Danach fielen innerhalb von 72 Stunden in Nachrodt-Wiblingwerde im Märkischen Kreis 182,4 Liter Niederschlag pro Quadratmeter.
Die zweitgrößte Menge wurde in Hagen verzeichnet.
Dort fielen zwischen 5.50 Uhr am 12. Juli und dem 15. Juli insgesamt 175,7 Liter Niederschlag pro Quadratmeter.
Knapp dahinter lag Altena im Märkischen Kreis mit 174,9 Litern pro Quadratmeter.
Insgesamt lagen sechs der 15 am meisten betroffenen Gemeinden im Märkischen Kreis.
Im Kreis Mettmann fielen Spitzenmengen von 152,8 Litern pro Quadratmeter.
Auch mehrere der Städte in Nordrhein-Westfalen verzeichneten hohe Regenmengen: In Köln fielen innerhalb von 72 Stunden 149,8 Liter pro Quadratmeter, in Aachen 144,3 und in Düsseldorf 143,3.
Im Eifelkreis Bitburg-Prüm in Rheinland-Pfalz fielen nach DWD-Angaben 141,4 Liter pro Quadratmeter, im Landkreis Ahrweiler waren es 133,5.