Hartz IV ist eigentlich nur als kurzfristige Hilfe gedacht. Doch fast die Hälfte aller Empfänger ist schon länger als vier Jahre auf die Stütze angewiesen. Das sind die Hochburgen in Deutschland.
Hartz IV als (Über)lebensmodell: Fast drei Millionen Menschen leben mit Hartz IV in einer Art Dauerzustand. Nach neuen Statistiken der Bundesagentur für Arbeit waren Ende 2014 rund 2,79 Millionen Hartz-IV-Empfänger schon vier Jahre oder länger auf die staatliche Unterstützung angewiesen. Das waren rund 46 Prozent aller Hartz-IV-Empfänger. 64 Prozent bekamen länger als zwei Jahre Hartz IV.
Dabei war die Grundsicherung ursprünglich einmal als vorübergehende Hilfe in einer Notlage gedacht. Ziel der Hartz-Reform war es, die Arbeitslosen schnell wieder in einen Job zu vermitteln. Tatsächlich lebt aber fast jeder zweite Empfänger dauerhaft von Hartz IV.
Besonders im Osten wohnen die Dauer-Hartzer. Aber auch einzelne Regionen im Westen können von den Anteilen her mithalten.
Nach Einschätzung von Arbeitsmarktexperten ist es umso schwieriger, Arbeitslose wieder in den Arbeitsmarkt zu integrieren, je länger die Erwerbslosigkeit dauert. Auf eine Verweildauer von weniger als einem Jahr kamen lediglich 22,4 Prozent der Arbeitslosen. Die Zahlen haben sich damit zum Vorjahr kaum verändert.
Osten vs. Süden
Besonders schlimm ist die Situation in den östlichen Ländern, in denen die Quote mit Ausnahme Thüringens durchweg über 50 Prozent liegt. Trauriger Spitzenreiter ist Sachsen-Anhalt mit 54,5 Prozent, gefolgt von Berlin und Brandenburg mit 53,4 Prozent. In den prosperierenden südlichen Ländern mit geringer Arbeitslosigkeit liegen die Quoten dagegen bei unter 40 Prozent. In Bayern und Baden-Württemberg ist nur etwa jeder Dritte schon länger als vier Jahre von Hartz IV abhängig.
In westdeutschen Städten mit hoher Arbeitslosigkeit, wie etwa im Ruhrgebiet, fällt die Verweildauer genauso dramatisch hoch aus wie in den östlichen Ländern. So liegt der Anteil der Dauer-Hartzer in Essen, Gelsenkirchen, Bottrop, Oberhausen und Mülheim mit Quoten über 50 Prozent deutlich über dem Durchschnitt von Nordrhein-Westfalen mit 46,3 Prozent.
In einigen bayerischen Gemeinden wie Eichstätt oder Pfaffenhofen liegt der Anteil der Langzeitbezieher dagegen nahezu bei 20 Prozent. Die Hochburgen der Dauer-Hartzer liegen in Landkreisen in Sachsen-Anhalt und Brandenburg, wie der Salzlandkreis, die Uckermark und die Ost-Prignitz, in denen fast 60 Prozent der Hartz-IV-Bezieher schon länger als vier Jahre Stütze bekommen.
Kreativität und innovative Strategien gefragt
Der Präsident des Deutschen Landkreistages, Reinhard Sager (CDU), forderte, mehr für den Abbau der Langzeitarbeitslosigkeit zu tun. Die hohe Zahl von langfristigen Hartz-IV-Beziehern weise auf grundlegende Probleme für sogenannte arbeitsmarktferne Menschen hin. Und das in einer Zeit, in der die wirtschaftliche Situation und die Lage am deutschen Arbeitsmarkt überdurchschnittlich gut seien. "Diese Menschen haben ganz offenkundig dennoch keine Chance auf Beschäftigung", sagte Sager der "Welt am Sonntag".
Der Großteil der Hartz-Empfänger ist länger als vier Jahre arbeitslos
Deshalb seien Kreativität und innovative Strategien gefragt – am besten unter Einbeziehung von Arbeitgebern, Jobcentern und Politik. Neue Wege müssten entwickelt und beschritten werden, damit arbeitsmarktferne Personen wieder in Arbeit kommen. Dabei sei es besonders wichtig, dass die Jobcenter über flexibles Handwerkszeug verfügen könnten, etwa bei der Planung und Finanzierung von Qualifizierungsmaßnahmen.
Der Aufschwung am Arbeitsmarkt in den vergangenen Jahren ist an den Langzeitarbeitslosen weitgehend vorbeigegangen, wie die Zahlen zeigen. Mit 30,47 Millionen Personen lag die Beschäftigung im Mai gegenüber dem Vorjahr um 537.000 im Plus. Die Zahl der registrierten Arbeitslosen sank dagegen nur um 120.000. Die neu geschaffenen Stellen werden vor allem von Zuwanderern und Müttern, die in das Berufsleben zurückkehren, besetzt.
46.000 neue Arbeitsplätze mithilfe zweier Programme
Als Reaktion auf die verfestigte Langzeitarbeitslosigkeit hat Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) zwei Programme aufgelegt. Dabei sollen besonders schwer vermittelbare Arbeitslose mit Lohnkostenzuschüssen an Arbeitgeber vermittelt werden. Zudem sollen die Arbeitslosen bei ihrem Wiedereinstieg in den Job von Coaches unterstützt werden.
Mit den beiden Programmen sollen insgesamt 46.000 Plätze geschaffen werden. Zugleich wurde aber die "Bürgerarbeit" abgeschafft, mit der Langzeitarbeitslosen vor allem in Ostdeutschland bislang eine Beschäftigung geboten wurde. Sozialverbände und Opposition fordern einen "sozialen Arbeitsmarkt", auf dem chancenlose Langzeitarbeitslose eine sinnvolle Beschäftigung finden sollen.



